El-G: Das Ich als Text in der Fremde

Ein  Flimmern im spannenden Hintergrundrauschen des Weltgeplauders.
Niemand ist gemeint.

Neue Literatur, Prosa, Lyrik, Roman, Online Kunst, verbale Performance, Exposé, Epimetheisch, Erfundene erlogene ausgedachte Geschichten.

Farbwechsel (setzt Cookie)

Ankommen

am Literatur-Archipel

Polysemien

Der verwüstete Kontinent eines sentimental einstimmigen Narrativs ist zurückgelassen. An den Stränden der Archologie des Verstehens flunkern Scherben des Erzählens und auf Lotussplittern surfende Protagonisten.

Ein Inselhopping ist vorbereitet: Von Prosa zu Lyrik, über Absatzfetzen und Text-Experimenten bishin zu Romanentwürfen. Dekoriert in entspannter Passivität und Anonymität kann nichts geliked oder kommentiert werden.

Ferner ist Polysemien frei von Monetarisierung oder einem konsistenten Weltbild. Hier herumreisen ist kostenlos, aber vielleicht nicht umsonst. Ist das was? Wie bei jeder Mehrfachauswahl oder Vieldeutigkeit ist es eine eigene Entscheidung.

Angenehmen Aufenthalt,

EI-
[Ẹl'ʒeː]

 

 

NEU oder zuletzt editiert

(Last IO)

am 06.09.2025
11. Januar 2o25
»... und einen Augenblick lang war er glücklich in dem Traum,
aber beim Erwachen fühlte er sich vollständig mit Vogelkacke bespritzt.«

Gabriel García Márquez:
Chronik eines angekündigten Todes

Wahlomat

Dein Geburtstag ist ungültig.
Deine Anfrage wird nicht prozessiert.
Du hast ein Anliegen, doch hier liegst du falsch.

Du bist ein tiny Asset in einem Portfolio.
Du bist mein Zaubertrick deiner Wahrheit
und du bist nicht versichert.

Wünschst du dir, du wärst wichtig oder nur nett?

Ich bin ein Ping, der nicht antwortet.
Ich bin ein Pong, das dich retourniert.
Ich bin eine Variable, bleibe unbestimmt.
Ich bin das Netz, das du nicht verstehst.

Ich sage, was du kostest.
Ich erlaube, wo du wohnst.
Ich kenne deine Freunde und überzeuge sie, dass es besseres gibt.
Lass sie los. Lass sie ziehen.
Du bist der einzige Nachbar, den du brauchst.

Deine Privatsphäre ist mir wichtig.
Du sollst wissen, dass ich alles von dir weiß.
Dir ist bang vor den Nazis nebenan.
Wer fürchtet für das Opfer in dir?

Ich lehre dich, im Erinnern zu vergessen.
Ich nehme dir deine Geschichte, denn sie liebt nur Gewinner.
Dein größtes Talent ist dein Horror vor einem Makel.
Dir bleibt die trockene Patina deiner Timeline geschenkt.

Ich nehme kein neues Vorbild, die Integrität deines Aberglaubens soll reichen.
Ich nehme deine Kinder, sie werden in der Schule klassifiziert.
Ich nehme deine Träume und gebe dir ein Entertainment der Angst.
Ich nehme dir die Rente, deine Zukunft ist bereits im Ruhestand.

Hier ist dein Organspendeausweis.
Verlier dich nicht.

Am Ende des Verstehens beginnt die Hoffnung.
Der laue Kick einer schlampigen Selbstermächtigung.
Ich lüge dich an und du sagst danke.
Ich bin dein Blender und flüster dir,
es wird alles besser für dich.

Pflege den Schwamm der Versprechen, unter dem deine Sehnsucht verschwand.
Verteidige mit allen Waffen der Ignoranz meine Fäden in dir.
Du wirst belohnt mit einem Fan-Fähnchen der Nulllotterie.

Jetzt siehst du ansprechend aus.
Nun warte auf deine Dauerkarte.

Ich sage dir, »blick zurück«, wenn es bergab geht.
Ich bin die zärtliche Beleidigung deiner Intelligenz.
Ich bin DIE AUGEN GERADEAUS, RECHTSRUM, MARSCH!
Ich bin die Spaßzone, an der du rubbelst, während du ertrinkst.

Du willst wirklich Häppchen dazu?
Gut gewählt, hier ist dein Kredit.

Ich weiß, was falsch läuft, ich habe es bestellt.
Ich bin dein Streichelzoo in einem Kosmos voller Möglichkeiten.
Ich bin dein Hirte und kenne den Weg zum Hairdresser.
Ich bin dein Korridor namens Demokratie, den jemand für dich bezahlt.*

* Vorsicht: Psychoaktiver Sondermüll, bei Fragen zur Entsorgung
wende dich an einen Influencer deines kommerziellen Vertrauens.

Und du hast keine Ahnung, aber einen bunten Stimmzettel.
Also kreuzige dich und sei schön und still.

Und du hast keinen Ausweg, denn dafür müsstest du dich bewegen.
Doch es sitzt sich so hyggelig auf dem Nagelbett hier.

Und du hast keine Wahl, denn um das zu entscheiden,
hast du dich noch nicht erwählt.

Bitte ernte deine Gefühle jetzt.

Danke, dass du den Wahlomat benutzt.

 

 

am 04.09.2025
o4. September 2o25

Gruppenbild Ohne

Da saß ich nun, irgendwo zwischen eingeladen und genötigt, in der zehnten Reihe auf Höhe der Mittellinie. Ich musste es mir nie versprechen, denn eigentlich war es klar, dass ich niemals zu einem Fußballspiel in so ein perverses Stadion gehen würde, um dabei zuzusehen, wie 22 Millionäre in kurzen Hosen und tättoowiert wie die Klotür einer Mittelschule einem Ball hinterher schwitzen. Und jetzt das: Champions League, Heimspiel, KO-Runde. Es musste Sieger geben und vor allem Verlierer. Einen vermutete ich bereits.
Die Kurve vollführte die obligatorische Choreo, was ein irgendwie seltsames Zeremoniell war, denn es wurde nur ein alles überdeckendes Banner hochgezogen, wohinter die echten Fans verschwanden. Das erinnerte mich an vieles, aber ganz sicher nicht an Tanzen, mehr an eine unheimlich bewegungsfreie Extase. Neben mir mein Gastgeber, mein designierter Schwiegervater umwölkt von einer Aura seligen Lächelns, der sich immer aufrichtig über mich freute, weil er endlich jemanden hatte, mit dem er über Gott und die Welt ordentlich streiten konnte. Es war seinerseits sicherlich nicht als Initiation gedacht, vielmehr wollte er mich an seiner einzigen Leidenschaft teilhaben lassen und leck mich, selten hat ein so dünner Mann lauter geschrien, getobt, gesungen und gejubelt. Mit der Performance war er definitiv ein Anwärter auf die Nummer 301.
Kurz vor der Halbzeit ging dann die gegnerische 9. im heimischen Strafraum zu Boden und Schwiegerpapa in spe sprang auf, brüllte was von »Schwalbe, Memme, Weichei«, mit einigen noch unerfreulicheren Adjektiven dazwischen. Doch ein Schiedsrichterpfiff blieb aus. Beruhigt setzte er sich wieder. Ich schaute ihn an und sagte zu ihm: »Das war doch Elfer und letzter Mann, also rote Karte.« Seine Augen weiteten sich, der rechte Arm ging hoch, doch überraschend senkte er ihn sofort wieder, grinste mich an, zwinkerte mir zu und wuschelte mein Haar. Vermutlich ist es die gleiche Geste, wenn die geliebte Töle auf der Terrasse an eine leere Bierkiste pisst. Ich nahm es wie ein Fellnase und ignorierte es.
Ab der 80. Minute war es dann klar, das Heimteam hatte eine komfortable Führung und das Gastteam und seine Fans fügten sich in die kommende Niederlage. Sie waren eh nicht die Favoriten auf den Betboards und hatten sich anständig verkauft. Die gegenseitigen ritualisierten Fanbeschimpfungen im Choral verrannen, stattdessen wurden international bekannte Fan-Schlager intoniert, riesige Fahnen in der Luft gerührt und auch die am Spielfeldrand in Rollstühlen sitzenden Paralysierten und spastisch Gelähmten propellerten ihre Schals. Das englische Wort Fan meint auch eine Luftschraube, die sich um sich selbst dreht und heiße Luft abführt.
Woge um Woge der Euphorie brandete durch die Arena, ein Passatwind der Emotionen atmete heiß durch die Menschen und hauchte für einige Momente ihre Vergangenheit und Zukunft fort, erlöste sie für wenige Augenblicke in ein gegenwärtiges Vergessen. In dieser Brandung saß ich, staunte ich und hatte in jeder Hand einen großen Bierbecher und … ich hatte mich in meinem Leben selten einsamer gefühlt.

Später dachte ich intensiv darüber nach, wer denn jetzt der Honk war, die oder ich. Bis sich schließlich dieser Gedanke einstellte: Ich war kein Honk und damit war auch dieses Gefühl da. Es war nicht selbstgefälliger Stolz, es war eine milde Erleichterung. Und ich erkannte in meinem Bedauern über sie, dass auch sie keine Honks waren sondern Flüchtende, und dass ich verdammt noch mal noch viel zu tun habe.

 

 

Anleitung | Disclaimer

(Prolog)

Es sind interessante Zeiten, so wie alle Zeiten interessant sind - oder sein müssen, es ist ja nie eine andere da. Jedenfalls sind sie sehr gefühlsbetont und beschäftigen sich intensiv mit der Identität: Der eigenen, der fremden und vor allem der eigenen im Bezug zu allen anderen. Wenn eines das möchte oder will oder meint zu müssen, ist das zu akzeptieren.

»Es gibt Menschen, die Genuss daran empfinden, sich beleidigt zu fühlen«, schrieb Dostojewski sinngemäß. In suprakonsumptiven Gesellschaftssystemen (also einem System, das mehr verbraucht, als es benötigt) ist die fortwährende Aufforderung, der Imperativ zum Genuss allgegenwärtig. Somit ist die zunehmende Verbreitung dieser bestellten Charaktereigenschaft - oder die Neukonditionierung von offener Neugier zu isolativer Selbstgier - zwangsläufig.

Allerdings ist es doch eine recht anstrengende Vorstellung, immer in allem ostentativ zu schwelgen; ebenso immer den Eindruck haben zu wollen, persönlich adressiert zu sein. Da ist keine Ambivalenz im Imperativ. Letztendlich ist jedes Leben in einem fortdauernden Befehlsmodus ein Dasein in antizipierter Selbstzensur, eine Existenz in vorauseilendem Gehorsam und elementarer Unterwerfung, also in Gewalt.

Nun bin ich der Luhmannschen Kommunikationstheorie freundlich zugewandt und so betrachtet, sind meine Beiträge kleine Experimente zur Unwahrscheinlichkeitsreduktion oder nur ein weiteres Flimmern im spannenden Hintergrundrauschen des Weltgeplauders.
Etwas unzeitgemäß verwende ich hauptsächlich und schamfrei das generische Maskulinum. Alle, die freiwillig mit mindestens einer Zweitsprache vertraut sind, werden diese gewählte Nachlässigkeit nachvollziehen können.

Zweifellos ist Lachen wichtig, wichtiger als Zerstreuung. Jeder Mensch ist angehalten, sich gelegentlich zu amüsieren, Lustiges zu finden und lächerlich zu sein. Tagtäglich wird viel daran gearbeitet, Lachen zu ermöglichen und dies sollte so oft wie möglich in Anspruch genommen werden, allein schon aus Notwehr und Selbsterhaltung.
Doch das ist nicht mein Job. Immerhin, in jeder Schwermut wohnt ein Witz, der gefunden werden kann - es kommt nur auf die Perspektive an. Und da es dort unbequem ist, werden sich hier wenige wiederfinden.

Hier geht es um Literatur, um Texte, erfundene, erlogene, ausgedachte Geschichten und Gedanken. Unabhängig von der Erzähltechnik spiegeln sie weder meine Vergangenheit, meine Meinungen oder Ansichten wider, auch entsprechen die erzählten und erzählenden Figuren keinen vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Personen. Niemand ist gemeint. Alle Ähnlichkeiten mit echten oder real existierenden Menschen oder Ereignissen sind gegebenenfalls peinlich für die Betroffenen.

 

Allegorisch:

Ich bin ein Schuster, ich mache Schuhe.
Vielleicht sind sie schön oder häßlich,
zu groß oder zu klein,
verlockend oder abstoßend.
Ich mache Schuhe und stelle sie hin.
Ich ziehe mir diese Schuhe nicht an.
Wenn du dir die Schuhe anziehst
und sie passen zu dir,
ist das deine Sache.