Ein Flimmern im spannenden Hintergrundrauschen des Weltgeplauders.
Niemand ist gemeint.
Neue Literatur, Prosa, Lyrik, Roman, Online Kunst, verbale Performance, Exposé, Epimetheisch, Erfundene erlogene ausgedachte Geschichten.
Das Datum der Verabredung war Zufall, fast Notwehr, nachdem zuvor verschiedene Terminabsprachen geplatzt waren, wurde schließlich der 14. Februar ausgewählt. Die letzte Begegnung war Monate her und nur leidlich überbrückt durch sporadische Textnachrichten.
An den Tischen verweilten ausschließlich heterosexuelle Paare, herausgeputzt und befreit von Stil und Schönheit, so wie die Blumen in den designten Wasserflaschen. Die Gespräche waren eine ruhige und karge Wortbrandung und hatten anscheinend rein informellen Charakter, ein obligatorischer und repititiver Reflex. Mit ähnlicher Ambitionslosigkeit wurde das Essen erledigt. Wenn das Liebe war, konnte niemand die Leidenschaft dahinter sehen wollen.
»Warum bist du noch immer solo?« Die Frage stand vor der Gabelung freundschaftliche Anteilnahme und gesellschaftsrelevante Anklage. Offensichtlich irritiert überschaute ich den Raum der emotionalen Ebbe und antwortete mit einem aufrichtig fragenden Blick. »Ich sehe es ja. Aber nicht alle Menschen sind konsumabhängige Ritualselbstmörder; also kein Grund, nicht zu versuchen, es besser zu machen.« Dieser Zweckoptimismus war wirklich einnehmend freundlich und ich war über die eingeschlagene Richtung erleichtert.
»Das ist ganz einfach«, sagte ich lächelnd. »Ich bin Triple A.«
Ich kassierte ein Schmunzeln und ein Fragezeichen. »Das klingt doch gar nicht schlecht. Und was heisst das genau? Bestimmt nicht, dass du eine kostspielige Wertanlage bist.«
»Ne, sicher nicht. Triple A meint: Alt, arm und ausbalanciert.«
»Ha ha, ein schön verpacktes Subprime. Das ist ein Grund, aber kein Hindernis, schließlich sieht man es dir nicht an - sofort.« Dieses Grinsen war böse.
»Nun ja, natürlich gibt es welche, die verzeifelt genug wären, sich mit mir einzulassen. Aber Verzweiflung ist nicht so ganz das, was ich absichtlich in der Zukunft haben möchte.«
»Trotzdem. Wirklich ausbalanciert?«
»Was soll ich sagen? A(1) war abzusehen und nicht aufzuhalten. A(2) war meine Entscheidung, keine Karriere zu wählen, die sich positiv monetär niederschlägt. Alles was du hast, hast du von jemandem genommen, und alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich. Das ergibt eine vorhersehbar niedrige Progression und einen überschaubaren Gestaltungsspielraum. Damit kann ich Frieden schließen und bin bei A(3). Es hätte mich schlimmer treffen können.«
»Nun, Frieden schließen und aufgeben sind nicht selten synonym. Aber für dich spricht, dass du A(1) nicht unterschlägst und die verbleibenden Recourcen wollen eingeteilt werden. Dennoch, das ist es, was du dir immer erträumt hast? Das glaube ich dir nicht.«
»Damit hast du vollkommen recht. Eigentlich habe ich nie ersthaft etwas erträumt. Meine Zukunft war selten größer als sieben Tage. Allerdings habe ich mal geträumt, ich sei Elon Musk. Und als ich erwachte, war ich heilfroh, dass der Albtraum vorbei ist.«
»Wieso Albtraum? Er macht so viel, kann so viel erreichen, kann alles machen, was er sich vorstellt. Das ist doch beneidenswert?«
»Auch da hast du Recht. Aber ich denke, Elon Musk ist mit allem, was er macht, mit allem was ihm möglich ist, einer der einsamsten Menschen auf diesem Planeten. Denn dort, wo er ist, kann er nichts und niemandem vertrauen.«
»Das mag schon sein. Aber trotzdem kann er so viel gestalten und erreichen. Er ist der Kolumbus unserer Gegenwart.«
»Nein. Wenn Kolumbus nur eine Flaschenpost in den Atlantik geworfen hätte, die irgendwann in der Karibik angekommen wäre, dann wäre er ein Kolumbus.«
»Das ist jetzt aber ein schräger Vergleich.«
»Erinnerst Du Dich daran, wie Elon Musk einen Tesla ins All geschossen hat?«
»Den roten Roadstar. Klar. Komische Farbwahl übrigens.«
»Das war die traurigste und natürlich teuerste Flaschenpost aller Zeiten.«
»Verstehe, was du meinst. Ein Avatar als Nachricht ins ungewisse. Bei Starman fällt mir zuerst David Bowie ein und nicht Jeff Bridges...«
»Beide Anlehnungen sind nicht gerade fröhlich. Aber ich denke, solange das Raumzeit-Problem nicht gelöst ist und das nachbarschaftliche All weiter mit chemisch betriebenen Raketen erkundet wird, ist das alles nur Budenzauber. Auch wenn Kolumbus dachte, den Seeweg nach Indien gefunden zu haben und dabei nur als erster Europäer der Neuzeit Amerika erreicht hatte, hat er doch etwas erreicht, was Elon nicht hat: Er ist zurückgekehrt und konnte davon erzählen. Ich würde es ihm aufrichtig gönnen, aber Elon Musk wird von nirgendwo zurückkehren, um davon zu erzählen.«
»Gefangen im Labyrinth eines einsamen Willens.«
»Hm, so kurz gesagt, klingt es schöner.«
»Guter Film. ...sende ich Grüße. Ich fand Karen Allen besser als in Indianer Jones.«
»Unbedingt.«